Tango-DJ-ing – mein Lernprozess

‍    Wie jeder DJ habe ich meine Fehler gemacht. Einer meiner Fehler war, dass ich dachte, dass 'für diese alte Knistermusik mit ihrem eingeschränkten Frequenzgang' ein datenreduziertes Format (mp3 mit 160kBit/s) ausreiche. Das Gegenteil ist der Fall! (über das Warum – siehe meine Tango-Beiträge). Ich habe viel Zeit aufgewendet, diesen Fehler zu korrigieren. Mittlerweile lege ich, wo immer möglich im Vollformat auf und bin auf der (endlosen) Suche nach der jeweilig bestklingenden Version. 


Mein Kernrepertoire ist die Epoca de Oro, und zwar aus dem einfachen Grund, weil in dieser Zeit die Musik eine unglaubliche Kreativität und Tiefe erreichte. Die Musiker jener Zeit waren Vollprofis, ihre Qualität und Intensität des Spielens wird (leider) von heutigen Orchestern nicht mehr erreicht. Jemand drückte es so aus: Sie haben den Tänzern auf die Füsse geschaut. Ein treffender Ausdruck – ich hoffe, ihr versteht, was damit gemeint ist. Wenn man genau hinhört, kann man in den drei Minuten eines Stückes in musikalischer Hinsicht einen wundervollen Reichtum entdecken. Dazu kam in den 40er-Jahren die Kunst des gesanglichen Ausdrucks – kein Wunder, dass die Sänger bald zur bekanntesten Figur eines Orchester aufstiegen. Es gibt Zeitungsinserate nur mit dem Bild eines Sängers – und das Publikum wusste sofort, um welches Orchester es sich handelte.

Ich kam über das Tanzen zum Auflegen. Da ich kein Spanisch konnte, standen für mich die musikalischen Qualitäten und die Tanzbarkeit eines Stückes im Vordergrund. Das war ein Vorteil. Diesen Fokus habe ich beibehalten.


Und ja – man kann mich buchen. Für's Musik-Auflegen (Musikausrichtung nach Absprache), aber auch für andere Themen: verschiedene Vorträge über die Entwicklung des Tango (siehe auch meine Tangobeiträge); die verschiedenen Orchester; Workshop Tango-DJing (kann nur eine Einführung sein – eigentlich bräuchte es dafür zwei oder mehr Tage).




‍   Feedback - verschiedene Rückmeldungen         Was ist für mich wichtig?       


‍    Du bist ein sehr guter DJ... du bringst Abwechslung in das melancholische Gesäusel ...die klassischen hat man oft schon in Milongas gehört und abgetanzt.. aber was du bringst ist diese Auffrischung, das peppige.. wo man gerne wieder tanzen geht, auch wenn die Füsse schon weh tun..


… war schon ein wenig spät dran, weil ich mich einfach nicht losreißen konnte.

Es war einfach nur schön - die Stimmung, die Tänzer, der schöne Raum mit dem guten Boden, Deine Musik - vor allem Deine Musik! Ich mag ja die Mischung von schönen alten Tangos, auch mal so richtig rare Interpretationen, bei denen man aufhorcht, weil man sie nicht überall hört oder sie vielleicht auch noch nie gehört hat (... und glaub mir, ich höre wirklich viel Tango und habe auch eine sehr große eigene Sammlung an Tango Musik...) und dann, dazwischen, auch mal eine Tanda mit Nuevos oder Non-Tangos zum Auffrischen... also, das gefällt mir

und wenn ich sehe, dass Du auflegst, versuche ich es einzurichten, dass ich kommen kann. Leider ist B. halt doch 'ne Ecke weg ...

‍ M.B. aus V


… Das ist Dir im Schwarzen Kloster wieder mal klasse gelungen.

Musik, die beflügelt und inspiriert...                                                                                             K.H. aus F


Die Musik von Dir, Michael, war wieder einzigartig schön, es lohnt sich wirklich, deswegen zum Tanzen zu gehen.

M.L. aus B


.. versinken mit dem Tanzpartner in die Musik und abfliegen, weil's einfach stimmt.

So wie am Samstag Abend im T. ganz einfach super oder wenn ich 20 wäre: mega cool und fett.

Michael, das häsch aifach u guot gmacht und tanza khasch au.

Danka. I freue mi uf an anders mol. Cordials salüds                                                                U. L. aus C.



Deine Auswahl war frisch und nüanciert, ging rhythmisch in die Beine und war vor allem musikalisch wertvoll!     

‍    R.G. Veranstalter in Z.


A wonderful milonga.

Lovely food, great dance floor, excellent music and a great atmosphere                                 D. A. aus B.


Musik vom feinsten, eine Komposition von Anfang bis Ende. 

‍        Dr. M. L.


Smiley ..deine Musik Wahl ist brillant.                                                                                        

F.A. aus R.


... bei dir bedanken für den schönen Abend, tolle ausgezeichnete Musik, idyllische Atmosphäre und sehr dynamische Energie...                                                                                                       

N.F. aus OG





Wie beschreibt man sich als TJ am besten? Ein wirklich gutes Frageraster benutzten die Leute beim Tango-Festival in Den Haag. Hier die Fragen und Antworten, die beschreiben, was für mich wichtig ist. Ich habe es leicht ergänzt.


Michael KI: Ich lebe in Basel (Schweiz) und bin schon eine ganze Weile als Tango-DJ unterwegs. Die wundervolle Tango-Musik hörte ich zuerst als Tänzer, in der Folge schaffte ich mir einige CDs an und legte Musik an verschiedenen Milongas auf. Ich möchte, dass die Tänzer die Milonga mit einem kleinen Lächeln verlassen und vielleicht mit dem Gefühl »Schade, dass es schon vorbei ist....« Ich habe ein paar Beiträge über den Tango veröffentlicht. Und dieses Jahr habe ich mehrere Radio-Sendungen gemacht, mit viel Musik, aber auch mit einigen Hintergrundinformationen über den Tango und die dahinterstehenden Musiker.


Was ist dein bevorzugter Musikstil beim Auflegen?

Das Kern-Reperoire ist die Musik der Epoca de Oro (ca 1935-55), als die Musik richtiggehend in Reichtum explodierte. Natürlich die wichtigsten Orchester wie Di Sarli, D’Arienzo, Troilo, Pugliese, Calo. Aber es gibt so viele andere gute Orchester wie Pedro Laurenz, Edgardo Donato, Domingo Federico, Ricardo Tanturi – um nur ein paar zu nennen… Und ein paar Abstecher zu den früheren, mehr rhythmisch spielenden Orchestern.


Tanzst Du selber?

Ja, ich habe im letzten Jahrhundert angefangen  ;-))


Was war der Auslöser, um mit dem DJ-ing anzufangen?

Ich kann mich an keinen Auslöser erinnern. Die Liebe zu dieser grossartigen Musik?


Was wäre deiner Meinung die wichtigste Eigenschaft, die ein DJ haben sollte?

Ein gutes Gefühl für die Qualitäten der Musik in bezug auf die Tänzer.
Mit der Zeit habe ich erkannt (mit der Hilfe von anderen wie z.B. Ch. Tobler), dass viele Transfers  auf CD ziemlich dürftig sind (um es mal diplomatisch auszudrücken). Deswegen bin ich immer (noch) auf der Suche nach guten Überspielungen und betreibe einigen Aufwand, um an einer Milonga die bestklingende Versionen zu spielen. Zum Beispiel war es lange Zeit fast unmöglich, Troilo-Transfers ohne Pseudostereo, künstlichem Gehalle, Echo, zu viel Filterung (TMNR –Too Much Noise Reduction) und anderen akustischen Grauslichkeiten zu bekommen. (Ähnliches bei Fresedo und anderen Orchestern). Wenn man mal eine gute Überspielung einer Schellack auf einer guten Musikanlage gehört hat, erkennt man diese Art von falschem Glanz. Der Kenner will keinen gepantschten Wein mehr haben. Wann immer möglich spiele ich im Vollformat, das gibt weniger Stress für Ohren und Gehirn. Auch wenn man es nicht wirklich 'beweisen' kann, aber meine Beobachtung ist, dass die Tänzer entspanter sind.


Zu den Cortinas: wie lange, warum und welche Art von Musik?

Nun – es ist als Zeichen gedacht, die Partner zu wechseln und dass ein anderes Orchester spielen wird. Ich ziehe Musik vor, die in ihrer Art zur Energie von Tango-Musik passt. Z.B. sanften Jazz, oder andere Musik aus dieser Periode. Laute Musik, die auf die Ohren haut, mag ich nicht.


Was ist dein Wiedergabelistensystem? Immer die gleiche Art, oder falls Du anpasst - wann und warum?

Ich folge der TTVTTM-Struktur (oder TTVTM), mit 4 Tangos und Valses, aber meistens (aus nachvollziehbaren Gründen) mit 3 Milongas. Ich mache das nicht, »weil man es in Bs As so macht«, sondern weil sich herausgestellt hat, dass dies für die Tänzer die angenehmste Art ist, die Musik zu geniessen und zu interpretieren

Die Tandas bereite ich sorgfältig vor, um so etwas wie eine Melodie innerhalb einer Tanda zu erreichen. Ich achte darauf, keine Zeitsprünge innerhalb einer Tanda zu machen, wie ich es leider oft an verschiedenen Milongas schon gehört habe. Der frühe di Sarli hat eine andere Energie als der mittlere oder späte. Auf der Milonga passe ich die Tandas fortlaufend dem Tanzfluss auf der Tanzfläche an.


Jemand kommt zum DJ und fragt nach einem bestimmten Stück? Deine Antwort?

Wenn immer möglich versuche ich den Wunsch zu erfüllen und es in eine Tanda einzupassen. Ich ziehe es vor, wenn jemand nach einem bestimmten Orchester fragt (wie Donato, Maderna oder der frühe Di Sarli). Solch ein Wunsch ist leichter zu erfüllen.


Was wäre dein letztes Stück bei einem Tango-Festival oder einem Marathon?

Vielleicht ein paar Cumparsitas. Es gibt so viele vorzügliche Versionen. Manchmal spiele ich vor dem Ende als Überraschung Stücke wie ›I've got to see you again‹ (Norah Jones).


Wenn Du einen Wunsch frei hättest – bei welchem Festival oder Marathon würdest Du gerne auflegen?   

Nun, ich habe keine Favoriten – ich bin offen für alle Arten von Veranstaltungen. Das nächste Mal lege ich im Ballhaus Ulm auf. Nach dem ersten Mal wollten sie mich unbedingt für ein zweites Mal haben. Übrigens – es ist einfacher, bei grossen Events die Musik zu machen, weil viele und gute Tänzer die Energie selber hochhalten. Es ist schwieriger, einen Flow auf kleinen Milongas zu erzeugen. Das ist eine grössere Herausforderung.


‍          Interview 08/18  (leicht ergänzt)  Michael KI

Lebenserfahrung ist die Summe der Fehler, die zu machen sich kein anderer gefunden hat.

        (Jules Romains zugeschrieben)